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Abgründe der französischen Gesellschaft

Die Welt, die der 22-jährige französische Autor Édouard Louis in seinem Debütroman beschreibt, ist für einen Menschen, der gerne Bücher liest und eine behütete Kindheit erlebte, schwer vorstellbar: Eine Mutter, die ihrem von Asthma geplagten Sohn den Rauch in die Lungen pustet, die ihn nicht in die Schule schickt, wenn sie Hilfe bei der Hausarbeit benötigt und sein unschuldiges Kindergesicht benutzt, um die Verkäuferin im Dorfladen vom wiederholten Anschreiben zu überzeugen. Ein Vater, der seinen Sohn als „Tussi“ beschimpft, weil er nicht Fußball spielen will und der Familie Fisch angelt, wenn das Geld fürs Essen fehlt.

Doch Édouard Louis hat dies nicht nur alles selbst erlebt, sondern es in seinem Roman „Das Ende von Eddy“ auch in Literatur verwandelt. Die literarische Rückschau, die sich manchmal so nüchtern wie eine Aneinanderreihung von Gesprächsprotokollen liest, gelang dem heutigen Pariser Soziologiestudenten jedoch erst, als er sich selbst in eine ganz andere Welt retten konnte. Er, der einst selbst wie seine Hauptfigur Eddy Bellegueulle hieß, suchte sich sogar einen anderen Namen, um sich von dem Milieu freizumachen, in dem er aufwuchs. Mit dem Umfeld, das ihn als „dreckige Schwuchtel“ verhöhnte, verprügelte und ausschloss, brach er radikal. Denn als Eddy Belleguelle passte er nicht in das Dorf im Norden Frankreichs, in dem überholte, phantasielose Rollenklischees herrschen, Frauen tratschen und die Kinder versorgen und die Männer schweigen, schaffen und saufen.

Mit einem soziologisch geschulten Blick entwirft er die Umrisse eines Milieus, von dem viele glauben, dass es auf diesem Kontinent nicht mehr existiert. Es sind nicht nur zwei Welten, sondern vorallem zwei Sprachen, zwischen denen das Buch seine Kraft entfaltet. So setzt Louis die Sprache seiner Kindheit und seiner Familie, eine Art Gassenfranzösisch Célinscher Prägung, stets in Kursivschrift. Die eigene Sprache, die er selbst als bürgerlich bezeichnet, reflektiert das Erlebte, beschreibt es, analysiert und ordnet ein. So entsteht eine fast soziologisch anmutende Montage, die ein Sittenporträt der französischen Unterschicht offenlegt, dabei aber auch das Leid des Erzählers spürbar werden lässt. Gefühl und Analyse werden so geschickt vermittelt, das keine Seite die andere erstickt. Das unglaubliche Leid, das der Erzähler als Homosexueller in dem engen Dorfmilieu seiner Kindheit erlebte, rückt dem Leser und dem Zuhörer auf den Leib. Und trotzdem weitet der distanzierte Erzählstrang die Erzählung immer auf allgemeinere Fragen. Wie entsteht eine Gewalt von einem solchen Ausmaß? Sind die Täter gleichzeitig auch Opfer? Wie tief prägen KLassenunterschiede unsere heutigen Gesellschaften noch immer?

Edouard Luois gelang in Frankreich mit seinem Erstling „Das Ende mit Eddy“ ein Riesenerfolg. Beinahe einhellig reagierten die Feuilletons positiv auf das Werk. Von linkspolitischer Seite wurde ihm allerdings vorgeworfen, die bürgerliche Klasse zu verherrlichen und am Elend der eigenen nichts geändert zu haben. Tatsächlich lebt Louis heute in Paris, er hat inzwischen nicht nur einen Roman geschrieben, sondern auch einen Band über Pierre Bourdieu herausgegeben. Dies verwundert nicht. Dass sich soziale Klassen in verschiedenen Lebensstilen ausprägen, wie Bourdieu stets sagte, dafür erscheint Louis Roman beinahe wie ein Beleg. Das „Ende von Eddy“ ist so auch ein Buch über die dunklen Nischen der westlichen Gesellschaften, in denen Toleranz gegenüber Minderheiten immer wieder der rohen Gewalt der Mehrheit zu weichen droht. Es erinnert daran, dass die Errungenschaften westlicher Zivilisation, sei es die Gleichstellung der Frau, die Verurteilung häuslicher Gewalt oder die Gleichstellung verschiedener Lebensformen, immer wieder auf dem Spiel stehen. Es erinnert daran, dass die Achtung von Minderheiten in Milieus, die von moderner Bildung ausgeschlossen sind, zu versanden drohen. Insofern kann man das Buch als Kritik einer westlichen Überlegenheit lesen, die die eigenen archaischen Kräfte, die primitiven Reflexe von Gewalt gegen Schwache und Minderheiten verleugnet und nur auf andere Gesellschaften projiziert.

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Gärtner des Scheiterns

Als „ungeheuer erschöpft“ oder „schrecklich müde“ beschreibt sich der Jahrhundertautor Samuel Beckett in unzähligen seiner Briefe aus den Jahren 1941 bis 1956. Auch von der Klage über Traurigkeit und Blockierung handelt die Korrespondenz des nach den Kriegsjahren in Paris lebenden Iren. Davon zum Beispiel, dass er „tiefbetrübt“ sei, „unfähig irgend etwas zu tun.“ Das Bild des müden, antriebslosen Schriftstellers scheint nur wenig zu der immensen Produktivität zu passen, mit der Beckett Ende der 40er Jahre seine wichtigsten Werke verfasst, die Romane Molloy, Malone stirbt und Der Namenlose sowie das Theaterstück Warten auf Godot. Doch auch auf der Höhe seiner Karriere erwähnt Beckett in seinen Briefen an Freunde, Verleger, Kritiker, Regisseure und Übersetzer seine Erfolge kaum. Vielmehr klagt er über diverse Zustände der Passivität. Müdigkeit, Unwissenheit und geistige Lähmung plagen die Geisteswelt des Autors. Und mehr noch: Sie scheinen für seine schriftstellerische Produktivität geradezu unabdingbar.

So kommt es Beckett auch recht, ab 1946 in einer Fremdsprache zu schreiben, dem Französischen. In einem Brief an den befreundeten Kunstkritiker Georges Duthuit, an den er bis Ende der 40er Jahre die längsten Briefe des Bandes schreibt, heißt es: „Vielleicht blockiert mich die Tatsache, daß ich auf englisch schreibe. Eine grauenhafte Sprache, die ich immer noch zu gut beherrsche.“ Hans Naumann gegenüber, einem der ersten deutschen Leser und Übersetzer Becketts, begründet er den Wechsel von einer in die andere Sprache mit dem „Bedürfnis, schlecht gerüstet zu sein.“ Aus solchen und ähnlichen Briefpassagen ergibt sich, dass Beckett nie nur das gelungene Schreiben suchte. Das Abenteuer, das er künstlerisch einging, war das Wagnis des Scheiterns.
Dass das Ziel des Autors nicht die gekonnte Abbildung der Wirklichkeit war, lässt sich bereits aus seinen Romanen und Stücken herauslesen. Auch in seinen Briefen äußert er sich über einer solche repräsentative Kunstauffassung immer wieder ablehnend. Eher schon suche er das „Einsammeln von Dinglosigkeit“ oder, wie er an Duthuit schreibt, einen „Weg, zu kapitulieren, ohne ganz und gar zu verstummen“. Das Schreiben am Rande des Möglichen bildet Becketts Passion im doppelten Wortsinne. In einem Brief an Édouard Coester, den Komponisten der Bühnenmusik für „Warten auf Godot“, schreibt er über seinen Umgang mit Sprache: „Denn es handelt sich um ein Sprechen, dessen Funktion nicht so sehr in seinem Sinn liegt als in seinem – hoffentlich erfolglosen – Kampf gegen das Schweigen und dem Verweisen darauf.“

Zur Passion wird Beckett in seinen Briefen auch eine regelrechte Kunst der Selbsterniedrigung, paradoxerweise besonders auf der Höhe seines Erfolgs – in den frühen fünfziger Jahren.
1953 heißt es in einem Brief an seine Freundin und kurzzeitige Geliebte Pamela Mitchell: „Mir wird übel davon, mich gedruckt zu sehen und überhaupt.“ 1954 schreibt er in einem Brief an sie: „Vergiß nicht, dass Du es mit (annähernd) 65 Kilo professioneller Dummheit zu tun hast.“ Schlichter heißt es an seinen alten Freund Thomas MacGreevy: „Tut mir leid, daß ich so eine trübe Tasse bin.“ Becketts Briefe zeigen eine derartige Lust an der Selbstdiffamierung, dass diese nicht selten humoristische Züge annimmt. Die Klage über diverse körperliche Gebrechen, die schon den ganz jungen Beckett pausenlos plagten, finden ebenfalls ein briefliches Echo: „Stecke bis zum Gaumendach in Zahnproblemen, mein ganzes Leben schon.“ Und auch das gekonnte Lamentieren über das Älterwerden gehört zu den Lieblingssujets des nunmehr 50-Jährigen: „Ich fühle mich so alt wie das House of Usher“.

Seine Werke bleiben von der Tendenz zur Erniedrigung ebenfalls nicht verschont. „Ich bin regelrecht angewidert vom Schreiben, davon, wie ich schreibe“, schreibt er 1952 an seine Freundin und Korrektorin Mania Péron. Und 1954 an Maurice Nadeau, einen Rezensenten seiner Stücke: „Watt ist nichts wert und auf französisch noch weniger als nichts. Ich bereue, dass ich das in Druck gegeben habe, und kann mir nicht verzeihen, dass ich es übersetzen ließ.“ Kurz vor der englischen Malone-Veröffentlichung im März 1956 will er Pamela Mitchell sogar davon abhalten, ihn zu lesen: „Kauf um Gottes willen kein Exemplar und lies nicht einmal das, das ich Dir dann schicke. Gott, wie ich meine eigenen Sachen hasse.“

Doch Beckett wäre vielleicht kein gefeierter Schriftsteller, kämpfte er trotz der Verachtung, die er mitunter für das Geschaffene empfand, gegenüber Verlegern und Redakteuren nicht auch löwenhaft um sein Werk. Für einen gekürzten Abdruck von „En attendant Godot“ will er vor Gericht ziehen. Als Grund für das eigene Übersetzen seiner Stücke nennt er „ein albernes Bedürfnis, mich schützend vor das Werk zu stellen.“ Fast schon pedantisch schreckt er auch nicht vor einem Wutausbruch wegen falscher Zeichensetzung zurück: „Trinity News hat einen Riesenmurks aus meinem Text gemacht mit ihren unsäglichen Absätzen und der akademischen Interpunktion.“ Streitlustig gibt sich Beckett auch in einem beeindruckenden Brief an Simone de Beauvoir, die zusammen mit Sartre die Literaturzeitschrift Les Temps modernes herausgab. Als dort nur eine Hälfte von Becketts Erzählung „Das Ende“ erscheint, schreibt er an sie: „Sie erteilen mir das Wort, um es mir wieder zu entziehen, bevor es die Chance hatte, etwas Sinnvolles zu sagen. Sie blockieren eine Existenz an der Schwelle ihrer Lösung. Das hat etwas Alptraumhaftes.“
Fühlt er sich verstanden, schwankt das Gefühlspendel in die entgegengesetzte Richtung aus.
An einen Rezensenten der Literaturzeitschrift „Carrefour“ schreibt er: „Seien Sie bedankt für diesen neuerlichen großzügigen Ausdruck Ihrer Wertschätzung, und erlauben Sie mir zu sagen, wie glücklich ich mich schätze, Sie zu den wenigen zählen zu dürfen, die eine so schwache und ferne Stimme wirklich erreicht.“

Doch während „Warten auf Godot“ weltweit aufgeführt wird, zieht sich Beckett immer mehr auf seinen Landsitz bei Ussy-sur-Marne, unweit von Paris, „in mein Loch im Marneschlamm“ zurück. Dort arbeitet er eher schwerfällig an der Übersetzung der eigenen Bücher und schreibt an Theaterstücken. Interviews und öffentliche Auftritte lehnt er kategorisch ab, der Erfolg ist ihm nicht geheuer. Als die USA-Premiere von „Warten auf Godot“ in Miami floppt, lobt er den Regisseur indirekt dafür: „Erfolg und Scheitern auf öffentlicher Ebene haben mir nie viel ausgemacht, letzteres liegt mir sogar viel näher, da ich in all den Jahren des Schreibens bis auf die letzten paar seinen belebenden Hauch geatmet habe. Und ich werde den Eindruck nicht los, daß der Erfolg von Godot sehr stark auf einem Mißverständnis (…) beruht und daß es Dir vielleicht besser als jedem anderen gelungen ist, seine wahre Natur herauszustellen.“
Was ihm über seine gewollte Trübsal auf dem Land hinweghilft, ist ein Hobby, das man nicht unbedingt vermutet hätte: Beckett gärtnert mit Leidenschaft. Er erzählt seinen Freunden immer wieder von seinen Ausflügen in den Garten, in die Zuflucht jenseits des „Niemandslands“ seines Schreibtisches. Er berichtet von einer „Orgie des Umgrabens“ oder der „absurden Freude“, die ihn beim Beobachten eines Spechts packt. Beckett pflanzt Bäume, mäht den Rasen und gräbt unablässig Löcher in die Erde. Und in einem Brief von 1955 heißt es sogar: „Ich will nichts weiter als auf dem Land sitzen, hoffnungsvoll meine Bäume anschauen oder von der noch zu besorgenden facheuse-tondeuse (frz. für Rasenmäher) gezogen werden.“
Dass er 1969 den Nobelpreis für Literatur erhalten und alles, nur nicht seine Ruhe finden wird, kann er zu diesem Zeitpunkt – glücklicherweise – noch nicht erahnen.

Samuel Beckett: Ein Unglück, das man bis zum Ende verteidigen muß / Briefe 1941 – 1956, hrsg. von George Craig, Martha Dow Fehsenfeld, Dan Gunn und Lois More Overbeck.

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Schlachtszenen im Kinderzimmer

Wenn Paare Eltern werden, träumen sie oft von unvergleichlichem Glück und nie gekannter Liebe. Wie hart die Träumenden auf dem Boden der Realität aufprallen können, verrät die Autorin Barbara Sichtermann in ihrem Buch „Vorsicht Kind“.

Tage voller Trivialität sagt die Autorin werdenden Eltern hier auf über 200 Seiten voraus. In keinem vorigen Jahrhundert, so Sichtermann, sei die Kindererziehung einem einzigen Menschen zugemutet worden. Im 19. Jahrhundert hätten wohlhabendere Schichten lieber ihr Tafelsilber versetzt, als auf ein Kindermädchen zu verzichten. „Niemand verlangte damals von den Frauen (…) grobe Plackerei wie das Beseitigen von Scheiße und das Umherkriechen auf dem Boden oder den puren Nervenkrieg, wie ihn die disparaten Zeiterlebniswelten von Erwachsenen und Kindern unausweichlich hervortreiben, als einen heiligen Beruf anzusehen“. Erst im 20. Jahrhundert sei Kinderaufzucht plötzlich als ein vermeintliches Idyll erschienen, in das sich meistens die glückliche junge Mutter zurückziehen sollte. Sichtermann weist damit auf ein modernes, bis heute existierendes Tabu hin: „Man zog einen Vorhang aus Mull und Euphemismus vor die Schlachtszenen im Kinderzimmer“. Schreibend zieht ihn Sichtermann wieder auf. Wie zum süßen Kuschelbody die Kehrseite der stinkenden Windel gehört, so zeigt die Autorin in jedem Kapitel den Abgrund aus Anstrengung und Langeweile, der hinter dem Mythos „Elternglück“ lauert.

Da wäre zum Einen das quälende „Gebundensein an einen anderen physiologischen Prozess“. Die Nötigung, die bisweilen darin bestehe 24 Stunden am Tag für einen anderen Körper und dessen Bedürfnisse zuständig zu sein. „Liebe Freundin“, spricht die Autorin im neuen Vorwort eine fiktive jüngere Frau an, „ich sage Dir hier mit Schonungslosigkeit, dass Du, wenn Du ein Kind willst, auf Lebensjahre zusteuerst, in denen die Banalität von physiologischen Prozessen wie Essen, Verdauen, Ausscheiden, Würgen, Speien, Schlafen, Erwachen und so weiter einen vornehmen ersten Platz in der vordem so erregenden Arena Deines Bewusstseins und Deines Handlungsspielraums usurpiert.“ Eine junge Mutter erwerbe nicht selten außer dem Mutterglück auch „Schlaflosigkeit, Übergewicht oder Konzentrationsstörungen.“

Das Kind sei zudem ein unermüdlicher Forscher, fährt Sichtermann fort. Doch was sich zunächst attraktiv anhört, entpuppt sich für Erwachsene oft als Chaos. Die Eltern hätten sich „etwas kleines Süßes erhofft“, was dann komme sei eher „was kleines Wüstes“. Kinder entfremdeten mit Vorliebe Gegenstände ihren Zwecken, um sie zu zerlegen oder auf den Boden zu werfen. Sichtermann plädiert hier für das Zulassen von Chaos und das Im-Müll-Wühlen der Kinder. Das Schlimmste bleibt aus Sicht der Autorin ein Elternteil, das trotz Kleinkind eine saubere Wohnung erwartet. Sie empfiehlt: Warten, bis das Kind drei Jahre alt ist, und dann das erste Mal wieder sauber machen. Auch die körperliche Anstrengung werde oft unterschätzt. Das Leben mit Kleinkind spiele sich fast nur noch zwischen Boden und Armen ab. Wer seinem Kind nah sein möchte, müsse sich im Laufe eines Tages unzählige Male bücken und knien, um sein Kind hochzuheben. Ebenfalls in Mitleidenschaft ziehe ein Kind die erwachsene Zeitwahrnehmung. Keine Handlung, sei es das Zeitungslesen oder das Kaffeekochen, laufe ohne Unterbrechung ab. Die Moral des Zustandebringens – ein in unserer Kultur hoch bewertetes Gut – werde permanent durchkreuzt. Wer mit einem Kleinkind auch nur für ein paar Monate Elternzeit glücklich werden möchte, muss also laut Sichtermann die Freude am Unterbrechen, am Aufschieben und Vertagen, am Liegenlassen und Nicht-zu-Ende-bringen, neu entdecken. Für den zielorientierten, auf Erfolge hinarbeitenden Mensch, könnte dies eine eher frustrierende Erfahrung bedeuten. Doch wer Zeit mit einem Kind verbringt, müsse eben die Bindung seiner Selbstachtung an die Ausführung von Absichten verlernen, schreibt Sichtermann. Dann wären da noch die ewigen Wiederholungen und die Langeweile: eine halbe Stunde lang Spielzeugautos über den Boden zu schieben, gehört für Erwachsene im Normalfall nicht zu den erfüllendsten und spannendsten Beschäftigungen. Einen knallharten Konservatismus, eine unabänderliche Ordnung fordere das Kleinkind, wo es den Erwachsenen nach Abwechslung und neuen Ideen Gelüste. Was Eltern nach Sichtermanns Ansicht übrig bleibt, ist die lustvolle Wiederholung zu entdecken und den Verführungen der Kreativität, des Neuartigen und Abwechslungsreichen erst einmal abzuschwören.

Zu guter Letzt sei man im Leben mit Kleinkind niemals unbeobachtet. Wenn Erwachsene sich einmal fortstehlen, ihre Aufmerksamkeit nur einmal etwas anderem zuwenden möchten, ist mit Protest zu rechnen. Das Kind hängt am Erwachsenen und guckt, so Sichtermann, den Erwachsenen „nicht nur auf die Finger, sondern sogar in den Kopf“. Dazu komme noch die Welt draußen, meist eine Großstadt, die nicht unbedingt auf die Situation eines Erwachsenen mit Kleinkind im Schlepptau ausgerichtet sei. Sichtermann nennt das eine „Kinderfeindlichkeit“ von „objektiver, struktureller Natur“, die das Ergebnis eines gesellschaftlichen Strebens „nach ökonomischer und technischer Effizienz“ sei.

Die Schlüsse zu denen Sichtermann kommt, sind nicht unbedingt neu: Väter müssen sich mehr beteiligen, um die Belastungen auf mehrere Schultern zu verteilen. Das Elterngeld muss drei Jahre lang gezahlt werden, um den Eltern die Möglichkeit zu geben, auch in der schwierigen Kleinkindzeit noch flexibel für ihr Kind da zu sein und wechselhafte Berufsbiographien dürfen nicht länger die Ausnahme, sondern die Regel sein.

Man muss zugeben: an einigen Stellen merkt man dem Buch auch seinen Ursprung in den 80er Jahren an. Sichtermann webt immer wieder einen Feminismus alter Schule ein, gespeist aus der latenten Wut als Frau immer noch wie selbstverständlich in die Mutterrolle gedrängt zu werden.

Doch gerade vor dem Hintergrund der Debatte um neue „Väter“, die sich zwischen Beruf und Kind ebenso überfordert fühlen wie Frauen, setzt das Buch neue Akzente. Denn eines wird ganz deutlich: Elternzeit ist nicht nur, wie meist kinderlose Kolleginnen und Kollegen vielleicht gerne unterstellen, eine nette Urlaubspause, in der man entspannt und überglücklich seine Zeit mit einem wunderbaren Wesen verbringt. Das Versorgen eines Babys, auch des eigenen, ist nervenaufreibend, frustrierend und nach erwachsenen Maßstäben angelegt, unbefriedigend, geistig unterfordernd und langweilig. Kurz: harte Arbeit ohne Lohn.

Wer an der Isolation der so selig imaginierten und manches Mal so unselig erfahrenen Dyade mit einem Kleinkind zu knabbern hat, findet in Sichtermanns Buch ein Echo. Eine alleinerziehende Mutter oder ein Vater ohne Kontakte und Unterstützung würden ihr Kind bald hassen. Dahinter steckt laut Sichtermann vor allem ein Grund: die alleinige Verteilung der Kinderpflichten auf eine Person, lasse die dringend benötigte Liebe verkümmern. Heilsam wirke da nur die gemeinsame Betreuung, die auf mindestens zwei, wenn nicht drei Bezugspersonen verteilt werden müsse. Denn Menschen zeugen ein Kind nicht nur im Kollektiv, sondern freuen und ärgern sich über den Nachwuchs ebenfalls am besten auf diese Weise.

Barbara Sichtermann: Vorsicht Kind – Eine Arbeitsplatzbeschreibung für Mütter, Väter und andere, Verlag Klaus Wagenbach, 2014, 224 Seiten, 10,90 Euro.